Allgemein, Informatik, Mathematik

Abakus, Chern, Gauß und Leelavati Preise 2022

Und weiter geht es direkt, denn wie schon angekündigt, wurden heute nicht nur die Fields Medaillen vergeben, sondern auch noch vier andere, wichtige Preise der Mathematik!

Die Preisverleihungen wurden alle in Helsinki vom Präsidenten der IMU, Carlos Kenig, durchgeführt, im Anschluss an die zweitägige Generalversammlung der International Mathematical Union und am Vortrag des internationalen Mathematikerkongresses. Etwas mehr dazu könnt ihr HIER nachlesen. Heute, am ersten Tag des Kongresses werden Vorträge gehalten werden von der Preisträgerin und den Preisträgern von Fields Medaille und Abakus Preis. Ihr könnt sie HIER live oder später aufgezeichnet anschauen!

Kenig hat das Ganze wirklich – abgesehen von einigen technischen Stolpersteinen, über die er und die Preisträger stolperten – sehr schnell und schmerzlos gemacht, hier und da wäre vielleicht noch eine kleine Kommunikation nett gewesen. Insbesondere die beiden Preisträger, die nicht vor Ort waren, waren sichtlich verwirrt, dass er sie ankündigte und sie dann direkt sprechen sollten, ohne weitere Worte von Kenig an sie direkt. Schade eigentlich, denn seine Kommentare, wenn etwas schief lief, waren teilweise witzig und zeigten, dass er die Verleihung sicherlich auch etwas lockerer hätte gestalten können.

So, nun aber zu den Preisträgern der weiteren vier Auszeichnungen, die die IMU gestern zu vergeben hatte!

Barry Mazur // Photo credit: Lance Murphey

Die Chern Medaille ging an Barry Mazur für „seine tiefgreifenden Entdeckungen in den Bereichen Topologie, arithmetische Geometrie und Zahlentheorie sowie für seine Führungsrolle und Großzügigkeit bei der Ausbildung der nächsten Generation von Mathematikern“.
Die Wahl freut mich – auch wenn ich mich bekanntermaßen noch etwas mehr für Penrose gefreut hätte – aber ohne Frage hat Barry Mazur in den letzten Jahrzehnten unfassbar viel erreicht und gilt darüber hinaus noch als großartiger Professor und Mathematikvermittler. Seine Arbeit ist mit großen Namen wie dem Großen Fermat’schen Satz verbunden und er war Schüler von Alexander Grothendieck, über den er zur algebraischen Geometrie kam. Besonders beeindruckend finde ich bei diesen Menschen immer wieder, wie sie sich in den Jahren durch die verschiedensten Themen der Mathematik haben treiben lassen, die meisten wirklich „Großen“ arbeitete in ganz unterschiedlichen Gebieten im Laufe ihrer Karriere und das nicht, weil sie sich dem Mainstream anschlossen, sondern weil es sie interessierte und sie dann immer wieder ganze Theorien umgekrempelt haben.
Barry Mazur wurde am 19. Dezember 1937 in New York City geboren und ist seit 1959 Professor in Harvard.

Elliott H. Lieb // Photo credit: Lance Murphey

Der Carl Friedrich Gauß – Preis ging an Elliott H. Lieb für „tiefgreifende mathematische Beiträge von außergewöhnlicher Tragweite, die die Bereiche Quantenmechanik, statistische Mechanik, Computerchemie und Quanteninformationstheorie geprägt haben“.
Sein erstes Paper ist von 1955, sein aktuelles befindet sich gerade im Druck und insgesamt kommt er auf aktuell 404 veröffentliche Paper, plus natürlich noch ein paar Bücher… Das allein zeigt schon, dass es quasi unmöglich ist, eine kurze Übersicht über seine Arbeit zu geben, sie ist schlicht zu vielfältig und umfangreich. Wie auch bei Roger Penrose fällt hier auf, dass er als reiner Mathematiker immer Mathematik betrieben hat, trotzdem ist sein Beschäftigungsgebiet eher die Theoretische Physik und Chemie. Beispielsweise hat er die Stabilität von Materie bewiesen, eine Fragestellung, die viele Physiker zu der Zeit albern fanden, denn Materie ist halt stabil, was kann man da schon beweisen? Konkret konnte er Aussagen über die Proportion der Energie der Materie zur Anzahl der Atome machen und auch die Proportion des Volumens zu den Atomen konnte er finden und beweisen.
Ein anderes, anschauliches Beispiel seiner Arbeit ist die Entropie von Eis, die er genau angeben und dies selbstverständlich beweisen konnte. Quasi nebenbei oder zufällig hat er dann noch mit Neville Temperley eine Algebra entdeckt, die nach den beiden benannt ist und Anwendungen in Knotentheorie hat. Ein letztes Beispiel noch, weil es ein Thema ist, zu dem ich auch immer wieder lese: Auch zur Entropie und dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik hat er wichtige Arbeiten geschrieben.
Elliott Lieb wurde am 31. Juli 1932 in Boston geboren, wird also diesen Monat 90 Jahre alt, und ist Professor in Princeton.
Fun Fact: Im Komitee saß Bernd Sturmfels den ich selbst schon auf ein paar Konferenzen getroffen habe.

Nikolai Andreev // Photo credit: Sergei Amirdzhanov

Der Leelavati Preis ging an Nikolai Andreev für „seinen Beitrag zur Kunst der mathematischen Animation und des mathematischen Modellbaus in einem Stil, der Jung und Alt gleichermaßen inspiriert und den Mathematiker auf der ganzen Welt für ihre unterschiedlichen Zwecke nutzen können, sowie für seine unermüdlichen Bemühungen, echte Mathematik in der Öffentlichkeit durch Videos, Vorträge und ein preisgekröntes Buch bekannt zu machen“.
Nikolai Andreev hat sein eigenes Institut in Moskau, was sich mit der Popularisierung von Mathematik beschäftigt, er hält Vorträge im ganzen Land. Wir haben uns gestern ein Video von ihm angeschaut, da mein Russisch nicht gut genug ist, mussten wir ein bisschen nach einem englischen suchen, aber die Suche hat sich gelohnt. Man merkt ihm an, wie gern er seine riesige Sammlung an mathematischen Modellen vorstellt und man bekommt richtig Lust darauf, in seinem Museum zu stöbern! Übrigens hatte er für den Präsidenten und alle Preisträger ein eigenes Modell aus Geschenk dabei, was eine schöne Geste ist.

Max Braverman // Photo credit: Lance Murphey

Der IMU Abakus Preis für mathematische Informatik wurde dieses Jahr das erste Mal verliehen und ging an: Mark Braverman für „seine bahnbrechenden Forschungsarbeiten zur Entwicklung der Theorie der Informationskomplexität, einem Rahmenwerk für die Verwendung der Informationstheorie zur Erklärung von Kommunikationsprotokollen. Seine Arbeit hat zu Theoremen der direkten Summe geführt, die untere Grenzen für die amortisierte Kommunikation, ausgeklügelte Protokollkompressionsmethoden und neue interaktive Kommunikationsprotokolle, die gegen Rauschen resistent sind, aufzeigen.“
Mark Bravermann wurde 1984 in Perm geboren und ist Professor in Princeton.

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Quellen & weitere Informationen:
Abacus Medal 2022, mathunion.org
Carl – Friedrich – Gauß – Preis, mathunion.org
Chern Medaille, mathunion.org
Leelavati Preis, mathunion.org

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