Biographien, Rezensionen

Rezension: Meine Herren, dies ist keine Badeanstalt

David Hilbert war einer der wichtigsten Mathematik des 20. Jahrhhunderts. Trotzdem kennen ihn wohl die wenigsten Menschen, die man spontan auf der Straße fragen würde. Georg von Wallwitz hat sich aufgemacht, Licht in das Dunkel zu bringen und hat eine tolle Biographie über den Königsberger geschrieben, der maßgeblich dazu beitrug, dass Göttingen bis zum 2. Weltkrieg eine Mathematik- und auch Physik-Hochburg wurde.

Was es mit dem ungewöhnlichen Titel auf sich hat, ist relativ leicht erklärt: Für Hilbert waren Schubladen wie Geschlecht, Religion und Herkunft absolut uninteressant, wenn es um seine Arbeit ging. Ihn interessierte, ob jemand für die Mathematik geeignet war und beurteilte die Menschen danach. In seine Göttinger Zeit fiel auch die Diskussion, ob Emmy Noether eine Professur erhalten sollte oder nicht. Fachlich war sie optimal geeignet, aber nun einmal eine Frau. Hilbert setzte sich trotzdem vehement für sie ein – angeblich soll dabei auch der Ausspruch: „Meine Herren, dies ist keine Badeanstalt!“ gefallen sein.

Im Buch verfolgt der Leser chronologisch das Lebens Hilberts, allerdings gibt es zwischendurch immer wieder einmal Einschübe über andere, wichtige Wissenschaftler oder auch eine zeitgeschichtliche Einordnung. Mich persönlich haben diese Einschübe überhaupt nicht gestört, ganz im Gegenteil bekommt man dadurch noch einen genaueren Einblick in Verbindungen und Entwicklungen. Man versteht so zum Beispiel, wie schon die Anfänge mit Hurwitz und Minkowski in Königsberg den Grundstein dafür gelegt haben, dass Hilbert die meisten seiner Arbeiten auf Spaziergängen und im Gespräch mit anderen entwickelte. Detaillierte Rechnungen und kleinschrittige Beweise hat er meist delegiert, was wiederum dazu führte, dass er viele Mitarbeiter hatte, die exzellente Wissenschaftler sein mussten und denen diese Art der Ausbildung später selbst oft zu Professuren verhalf. Später lieferte er sich mit Einstein eine Art Wettlauf um die Relativitätstheorie, vor allem ihre mathematische Ausformulierung. Ohne Hilberts Arbeiten dazu, wären die Ideen von Einstein weitgehend inhaltslos gewesen. Es ist immer wieder beeindruckend und erschreckend, wie sehr er trotzdem in Vergessenheit geraten ist.

Spannende Dinge erfährt man quasi noch nebenbei im Buch… Beispielsweise weiß ich nach der Lektüre, dass ich selbst schon oft in dem Gebäude war, was zwischen den Weltkriegen von der Rockefeller Stiftung finanziert wurde. Das Gebäude an sich ist nicht besonders hübsch, wenn ich ehrlich sein soll, aber man spürt in ihm tatsächlich eine ganz besonders Verbindung zu den Altmeistern. Jetzt, wo ich die Geschichte der Erbauung noch genauer kenne, geht es mir noch einmal mehr so.

Zum guten Stil gehört es ebenfalls, für biographische Angaben Quellen anzugeben. Dies geschieht in diesem Buch wunderbar als Fußnoten, die aber glücklicherweise nicht ausarten und den Lesefluß behindern. Auch einige „Fußnoten für Fortgeschrittene“ gibt es, in denen mathematische Teile des Textes noch einmal auf den Punkt gebracht werden, die erweiterte Mathematikkenntnisse voraussetzen und für die Biographie selbst nicht unbedingt entscheidend sind. Das ist ebenfalls sehr gut gelungen und gelöst.

Mein Fazit: In meinen Augen ist dies ein großartiges Buch! Ich habe schon lange keine Biographie mehr gelesen, die gleichzeitig so wunderbar lesbar war und gleichzeitig so wirkte, als wenn der Autor auch tatsächlich weiß, worüber er schreibt. Es hilft sehr, dass hier ein Mathematiker der Autor ist, der auch noch unterhaltsam schreibt. Wer sich für die Mathematik des späteren 19. und Beginn des 20. Jahrunderts interessiert, für den ist dieses Buch geradezu eine Pflichtlektüre!

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Das Buch „Meine Herren, dies ist keine Badeanstalt“ von Georg von Wallwitz umfasst rund 250 Seiten, kostet 25 Euro und erschien im Berenberg Verlag. Vielen Dank für die Bereitstellung als Rezensionsexemplar.
Das Buch könnt ihr beispielsweise direkt beim Verlag, beim örtlichen Buchhändler oder bei Amazon bestellen.

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